AUDITORIX: AKTUELLES

VOM BUCH ZUR HÖRGESCHICHTE

Interview mit Hörbuchmachern

Bild: Dorothea Näder/LfM

Auf der Autofahrt, während des Spielens oder auch zum Einschlafen – mit Hörgeschichten können Kinder (und auch Erwachsene) „ganz nebenbei“ in Geschichten eintauchen. Oftmals existieren diese Geschichten als geschriebenes Buch und werden für eine Hörbuchfassung vorgelesen bzw. für eine Hörspielfassung entsprechend inszeniert. Doch worauf gilt es zu achten, wenn man eine eigentlich zum Lesen verfasste Geschichte vertont? Und wie schafft man es, beim Zuhörer ebenso die Fantasie wie beim Leser anzuregen? Im AUDITORIX-Interview steht diesmal der Erfolgsautor Andreas Steinhöfel Rede und Antwort. Andreas Steinhöfel hat u. a. die Geschichten über „Rico und Oskar“ geschrieben, die bereits als Kinofilme und Hörgeschichten in Szene gesetzt wurden und ab dem 6. November auch als Zeichentrickserie in der „Sendung mit der Maus“ (WDR) zu sehen sein werden. Als Hörspiel wurde „Rico und Oskar“ von der Regisseurin Judith Lorentz inszeniert, die AUDITORIX ebenfalls Fragen rund ums Thema Hörbuchproduktion beantwortet hat.

 

Autor Andreas Steinhöfel

Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren, arbeitet als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher – vor allem aber ist er Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z.B. von „Rico, Oskar und die Tieferschatten“, „Die Mitte der Welt“ oder „Dirk und ich“. (Quelle: Carlsen, Bild: Dirk Steinhöfel)

Was halten Sie als Autor davon, wenn Ihre Geschichten als Hörbücher vorgelesen oder als Hörspiele inszeniert werden? Ist es nicht besser, wenn man Bücher selbst liest?
Also grundsätzlich bin ich schon eher ein Purist. Wenn einen ein Buch interessiert, dann sollte man sich auch das (geschriebene) Buch kaufen. Bei Hörbüchern würde ich dann die Fassung wählen, bei denen der Autor selbst der Sprecher ist. – Vorausgesetzt es gibt eine solche Fassung, denn nicht jeder guter Autor ist auch gleichzeitig ein guter Sprecher. Vielmehr ist der eine oder andere sogar ganz froh, wenn die Lesung beziehungsweise die Bearbeitung eines Buchs jemand anderes übernimmt. Ich persönlich lese zum Beispiel nur diejenigen Bücher von mir selbst ein, bei denen ich sehr viel Wert darauf lege, dass der Humor passend rüber kommt und nicht falsch interpretiert wird durch einen anderen Vorleser.

Manchmal werden in Hörbüchern Passagen weggelassen, in Hörspielen erst recht, sonst würden sie zu lang. Sie als Autor – wie finden Sie das?
Also im Hörspiel habe ich mit Kürzungen gar kein Problem, da steht meines Erachtens die künstlerische Freiheit des Regisseurs ganz oben. Genauso wie beim Film müssen hier bei der Geschichte Abstriche gemacht werden, die ich für das Hörspiel auch völlig legitim finde. Beim Hörbuch sehe ich das anders, da bin ich ein entschiedener Gegner von gekürzten Lesungen; auch wenn ich um die finanziellen Gründe, die hinter Kürzungen stehen, natürlich weiß… Hier schwankt man eben leider immer zwischen (finanziellen) Machbarkeiten und künstlerischen Ansprüchen. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich eine Welt wählen, in der Bücher komplett, also ohne Kürzungen, vorgelesen werden. Generell halte ich mich bei den Bearbeitungen meiner Bücher aber raus, gerade beim Hörspiel. Da finde ich es eher spannend zu beobachten, was die Regisseure aus dem Stoff machen. Und ob mir das als Autor dann am Ende gefällt, ist meiner Meinung nach zweitrangig.

Einige AutorInnen schreiben ihre Romane so, dass sie auch gut verfilmt werden können. Haben Sie beim Schreiben auch schon einmal daran gedacht, wie die Geschichte in einer vertonten oder verfilmten Fassung werden kann?
Denjenigen, der beim Schreiben gleichzeitig eine Vertonung oder Verfilmung im Blick hat, würde ich fragen, warum er nicht direkt ein Drehbuch schreibt. Natürlich hätte jeder Autor gerne sein Buch vertont oder sogar verfilmt, aber wenn man seinen Beruf ernst nimmt, finde ich, muss man sich wirklich überlegen, ob man eine Geschichte erzählen oder einen Film machen möchte. Ich habe beim Schreiben eines „normalen“ Buchs nie die Vorstellung, dass daraus ein Film oder einer Hörbuch werden könnte. Dass das teilweise nachher passiert, liegt einfach daran, dass ich von Haus aus ein „Film-Mensch“ bin und gerne Drehbücher schreibe. Das heißt, die filmische Dramaturgie schleicht sich bei mir automatisch mit ein, es ist einfach meine Art zu denken, aber ich bemühe mich eben nicht darum.

Wann und wo hören Sie selbst am liebsten Hörbücher bzw. Hörspiele?
Da muss ich leider eine sehr betrübliche Aussage machen: Ich schaffe es einfach nicht, Hörbücher zu hören, weil ich spätestens nach einer Viertelstunde einschlafe. Ich habe wirklich x-mal versucht, Hörbücher zu hören – und damit meine ich wirklich gute, spannende Hörbücher – aber egal an welchem Ort: Länger als 15 Minuten schaffe ich es einfach nicht; ich nehme an, das hat irgendetwas mit frühkindlichen Erfahrungen zu tun. Der Griff zum klassischen Buch ist für mich daher doch der bessere, „praktikablere“ Weg.


Regisseurin Judith Lorentz

Judith Lorentz wurde 1974 in Berlin geboren. Sie studierte Germanistik und Hispanistik in Berlin, Freiburg, Madrid und Buenos Aires. Sie lebt als freie Autorin und Regisseurin in Berlin und hat u.a. „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ als Hörspiel vertont. (Bild: Jonas Maron)

Was fasziniert Sie am Medium „Hörbuch“ bzw. „Hörspiel“?
Meine Fantasie gerät jedes Mal, wenn ich ein Hörspiel oder Hörbuch höre, in ungeahnte Schwingungen. Sie wird angekurbelt auf eine Weise, wie ich es sonst bei keinem anderen Medium erlebe. Denn über das Hören werden die verschiedensten Sinne aktiviert. Manchmal kann ich eine dargestellte Szene riechen, zum Beispiel hörte ich kürzlich in einem Hörspiel eine Szene, die in einem alten Luxus-Auto spielte. Ich hörte das Knarzen der abgewetzten Ledersitze und hatte plötzlich deren Geruch in der Nase. Das war ein intensives Erlebnis. Die Verbindung von Klang (Geräusch und Musik) und Sprache ist eine wunderbare Möglichkeit, um Geschichten zu erzählen, die einem lange in Erinnerung bleiben, weil sie in der Phantasie ganz viel auslösen.

Welche Vorteile hat Ihrer Ansicht nach eine Buchvertonung gegenüber einer Buchverfilmung?
Ich kann mir selbst Bilder in meinem Kopf erstellen. Und jeder Mensch, der sich auf ein Hörspiel einlässt, macht das auf seine Weise. Es ist immer wieder faszinierend, wenn ich mit mehreren Kindern ein von mir inszeniertes Kinderhörspiel anhöre: Wenn ich anschließend mit ihnen darüber spreche, hat sich jeder in der Phantasie seine eigene Welt erstellt. In „Rico und Oskar“ gibt es ja viele Abenteuer-Räume, wie den Keller, die Hütte etc. Jedes Kind malt sich beim Hören ein eigenes Bild dieser Orte in seinem Kopf und hat dadurch ein womöglich intensiveres, nachhaltigeres Bild, da es dieses selbst „geformt“ hat in der Fantasie.

Wie schafft man es einen zunächst puren Text für eine Hörfassung „lebendig“ zu gestalten?
Beim ersten Lesen eines Textes, den ich fürs Hörspiel bearbeiten möchte, entstehen bei mir spontane Ideen für bestimmte Geräusche oder Stimmen von Schauspielern, die ich für eine Figur unbedingt ins Studio bitten möchte. Oft erfinde ich Dialoge dazu, die in einem Roman nicht drin stehen, damit es nicht so ausufernde Erzählerpassagen gibt – manchmal kann dann ganz darauf verzichtet werden.

Was ist Ihres Erachtens nach die größte Herausforderung bei der Produktion eines Hörspiels?
Immer darauf zu achten, dass gute Stimmung im Studio ist. Es gibt so viele Fäden, die ich während einer Produktion in der Hand halten muss, ich möchte keinen davon verlieren. Es ist wichtig, dass sich die Schauspieler gut aufgehoben fühlen, dass sie locker damit umgehen können, wenn ich noch eine und noch eine Fassung wünsche. Dabei den richtigen Ton zu treffen und immer für Überraschungen und Auflockerungen zu sorgen, das sehe ich als meine wichtigste Aufgabe während der Aufnahmen.

Was müssen gute SprecherInnen mitbringen? Kann das jeder werden?
Gute Sprecher im Hörspiel müssen, genauso wie auch für den Film und das Theater, vor allem Talent mitbringen, schauspielerisches Talent. Das heißt, sie müssen fähig sein, eine Geschichte, einen Dialog so lebendig zu gestalten, dass ich ihnen das glaube. Sie müssen es schaffen, dass ich nicht mehr höre, dass der Text den sie da spielen eigentlich auf einem Blatt Papier vor ihnen steht. Für meine Kinderhörspiele mache ich gemeinsam mit den Radiosendern immer ein Kindercasting. Bewerben kann sich da jedes Kind, aber es sollte auf jeden Fall Übung darin haben, Texte lebendig zu gestalten und in der Lage sein, dieselbe Szene unterschiedlich zu spielen.