AUDITORIX: AKTUELLES

BESSER LESEN MIT HÖRBÜCHERN

Das „Lüneburger Modell“

Bild: Internet-ABC/Völkner/Agentur Fox

Wie motiviert man leseschwache Schüler zum Lesen, wenn sie das Gelesene kaum verstehen? Das „Lüneburger Modell“ gibt hierauf die Antwort: Lesen mit Hörbüchern. Dr. phil. Steffen Gailberger – ehemals an der Leuphana Universität Lüneburg, nun an der Ruhr-Universität Bochum tätig – hat diese Methode, mit der sich die Lesekompetenz von Kindern gezielt trainieren lässt, entwickelt und erprobt. Über das neuartige Prinzip spricht Dr. phil. Steffen Gailberger im AUDITORIX-Interview.

 

Hören und Zuhören können ist wichtig fürs Lesen (lernen) – warum?
Zuhören und Lesen hängen eng miteinander zusammen. Beides findet im Modus der Sprachrezeption statt. Vor allem in den sogenannten hierarchiehohen Bereichen, dort wo es um das Verstehen auf Textebene, um die Roten Fäden, um die Machart der Texte, um ihre Pointe etc. geht, sind die Überschneidungen am größten. Hier macht es kaum mehr einen Unterschied, ob Texte (z.B. im Rahmen einer Lesung) gehört, oder ob sie (z.B. in der Bahn, im Bett oder am Schreibtisch) gelesen werden.

Das Zuhören wie das Lesen bereichern den (zunächst rezeptiven) Wortschatz, der dann später vom Lerner für den produktiven Wortschatz umstrukturiert und übernommen werden kann (sprich in die Kompetenzbereiche Sprechen, Schreiben etc.). Doch auch im hierarchieniedrigen Bereich, das heißt beim Verstehen auf Wort- und Satzebene, kann das Zuhören für das Lesen(lernen) wichtig sein. Wenn die Leseflüssigkeit von Schülerinnen und Schülern nämlich nicht ausreicht, einen Text während des Lesens auch zu verstehen, kann das mangelnde Textverstehen beim Lesen über den Weg des auditiven Kanals (d.h. über das zeitgleiche Zuhören desselben) ermöglicht werden. Und hier ist es übrigens egal, ob wir von schwach lesenden Zweit- oder Neuntklässlern sprechen.

Wie können speziell Hörbücher das Lesen fördern?
Durch das simultane Lesen und Hören von Buch und Hörbuch kann das Lesen in fast all seinen Domänen gefördert werden: zu nennen sind hier v.a. Leseflüssigkeit, Lesemotivation, Lesefreude, Bilderimagination, Textverstehen, Perspektivübernahme etc.

Beim simultanen Lesen und Hören von Buch und Hörbuch läuft ein Hörbuch in angenehmer Zimmerlaustärke und die Kinder lesen still in den eigenen Texten mit.

Gegebenenfalls hilft einem schwach lesenden Schüler der sogenannte Lesefinger eines stärker lesenden Schülers darin, den Anschluss nicht zu verlieren oder in der Zeile abzurutschen.

Sollte der Wunsch geäußert werden, dürfen stärkere Schüler auch mal das Hörbuch ersetzen und selbst vorlesen. Dies kann natürlich auch von der Lehrkraft übernommen werden. Nach etwa acht Wochen Hörbuchlesen können Fortschritte von ca. zwei Schuljahren erwartet werden.

Sogenannte Lautleseverfahren sind übrigens die leichteste und zugleich die am meisten Erfolg versprechenden Formen der Leseförderung.

Gibt es Hörbücher, die besonders zur Leseförderung geeignet sind?
Ja, dabei müssen folgende Voraussetzung dafür beachtet werden:

  • Das Hörbuch muss ungekürzt eingelesen worden sein (Hörspiele eigenen sich nur dann, wenn sich die Textfassungen nicht unterscheiden);
  • Das Hörbuch darf nicht zu langsam und nicht zu schnell eingelesen sein; sollte es zu schnell eingelesen vorliegen, kann zunächst die Lehrkraft (oder ein lesestarker Schüler) das Hörbuch ersetzen, bis alle schnell genug lesen können. Dies dauert in etwa zehn Schultage.

Folgende Hörbücher, vornehmlich aber nicht nur für die Primarstufe, wurden bereits erfolgreich erprobt:

Buch und Hörbuch:

  • Drei Romane in einem Band:
    Die Stadt der wilden Götter, Im Reich des Goldenen Drachen, Im Bann der Masken, von Isabell Allende
  • Gespensterjäger (Band 1), von Cornelia Funke
  • Die Quigleys, von Simon Mason
  • Kuckuck, Krake, Kakerlake, von Bibi Dumon Tak
  • Räuber Hotzenplotz, von Ottfried Preußler
  • Eine Woche voller Samstage, von Paul Maar
  • King Kong … , Reihe von Kirsten Boie
  • Rico, Oskar und die Tieferschatten, von Andreas Steinhöfel
  • Der kleine Wassermann, von Ottfried Preußler
  • Mio mein Mio, von Astrid Lindgren
  • Pippi Langstrumpf, von Astrid Lindgren
  • Die kleine Hexe, von Ottfried Preussler

Wo finden PädagogInnen Unterstützung für ihre Unterrichtsgestaltung in Sachen Leseförderung mit Hörbüchern?
Die prominenteste Veröffentlichung hierzu heißt „Lesen durch Hören“. Sie stellt einen verschlankten Lehrerband meiner Dissertation „Systematische Leseförderung für schwach lesende Schüler“ dar. Dem Band liegen sowohl ein eingelesenes ungekürztes Hörbuch (James Blake: Paranoid Park. Ein Skaterroman) als auch Kopiervorlagen für eine eigens entwickelte Lesestrategie bei. Ferner gebe ich auch bundesweit Lehrerfortbildungen (SchiLFs). 

Dr. phil. Steffen Gailberger (*1974) ist Akademischer Rat (auf Zeit) im Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum (steffen.gailberger@rub.de). Zuvor war er an der Leuphana Universität Lüneburg am Institut für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik tätig. Seine „Arbeitsgebiete umfassen die wissen- und kompetenzorientierte Deutschdidaktik, kognitive Leseforschung, ganzheitliche und kognitive Leseförderung. Sein Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Leseförderung schwacher und schwächster Leser durch das simultane Lesen und Hören von Schrifttexten und Hörbüchern im Deutschunterricht.“ (Bild: privat)